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Beiträge zum 2. Witzenhäuser Frauenmahl am 10.03.2018 auf Burg Ludwigstein - 2. Teil b

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Karin Weinsberg (Fortsetzung)

 

Wohnen für Hilfe in Kassel

Wir berichten nun über ein zweites Beispiel in Kassel, das Interview mit der Teilnehmerin haben wir dokumentiert. Vanessa lebt seit 1 ½ Jahren bei einer 90-jahre alten Dame und unterstützt sie im Haushalt. Wir haben sie gefragt:

`Vanessa, wie kam es dazu, das Du Dich für Wohnen für Hilfe entschieden hast?

Ich war gerade in Neuseeland, dann bekam ich eine Zusage für einen Studienplatz im Auswahlverfahren. Innerhalb von 14 Tage musste ich nach Kassel ziehen. Meine Mutter hatte in Deutschland dann bereits schon nach Wohnungen gesucht und auch das Projekt Wohnen für Hilfe gefunden.

Du sagtest, Du hattest auch in Kassel eine Wohnung gefunden. Hast Dich dann aber trotzdem für Fuldabrück und das Projekt entschieden. Warum?

Wohnen für Hilfe war klar attraktiver für mich. Neben dem offensichtlichen finanziellen Vorteil.

Es gibt meinen Leben einen besseren Sinn als nur zu studieren, ich kann gleichzeitig einem anderen Menschen eine Freude machen, das macht mich wiederum glücklich.

Hattest Du keine Angst vor der Verantwortung und der vielleicht vielen Arbeit, die da auf Dich zukommt?

Meine Oma war an Demenz erkrankt und vor einiger Zeit verstorben. Ich wusste ungefähr, auf was ich mich einlasse. Es gab einen Vertrag, in dem die Hilfeleistungen genau aufgeführt wurden. Außerdem kommt täglich die Sozialstation und jemand hilft Frau B. beim sauber machen. Die beiden Söhne leben zwar ca. 1 Autostunde weit weg, aber helfen ihrer Mutter auch regelmäßig.

Wie groß ist die Wohnung die Du hast und wieviel musst Du dafür bezahlen?

Die Wohnung liegt in einem sehr ruhigen und schönen Ortsteil mit einem tollen Ausblick und ist 85 m² groß. Wohnzimmer, Schlafzimmer, 2 Bäder. Die Mieten in Fuldabrück liegen für diese Wohnung zur Zeit bei ca. 600 Euro kalt. Ich zahle 85 Euro im Monat also nur die Nebenkosten.

Nach dem Prinzip 1 Stunde Hilfe für einen Quadratmeter Wohnraum müsstest Du jetzt 85 Stunden im Monat arbeiten?

Nein, dies ist ja nur eine Empfehlung. Es kann frei verhandelt werden, wieviel Hilfe und Unterstützung benötigt wird und wieviel der Wohnraumnehmer leisten kann. An manchen Tagen gehe ich morgens früh zu Uni, da schläft sie noch und wenn ich abends nach Hause komme ist sie bereits zu Bett gegangen. Dafür gehe ich dann an den anderen Tagen zu ihr und bleibe länger.

Wie sieht Deine Hilfe konkret aus?

Ich helfe bei der Gartenarbeit, gehe einkaufen, leiste ihr Gesellschaft, ich vergewissere mich täglich, ob es ihr gut geht. Sie schätzt es, wenn ich gelegentlich essen runter bringe. Gemeinsam kochen kommt eher selten vor. Sie mag es nicht so sehr. Manchmal vergisst sie das Trinken und wir kochen dann einen Tee und trinken gemeinsam etwas.

Das hört sich alles zu gut an. Was würdest Du interessierten Studenten sagen, worauf muss man sich einstellen? Du wohnst 15km weit weg von der Uni.

Ich habe eine Verantwortung und Verpflichtung übernommen. Aber ich mag sie sehr, sehr gern. So fällt es mir leicht, mich um sie zu kümmern und ich kann viel von ihr lernen.

Ich melde mich - wie früher bei den Eltern - ab. Wenn ich über das Wochenende wegfahre, sage ich den Söhnen Bescheid.

Warum glaubst Du, haben viele ältere Menschen Angst davor, junge Menschen ins Haus zu lassen bzw. welche Hemmschwellen gibt es für dieses Projekt?

Möglicherweise haben ältere Menschen Angst davor aus der Routine gerissen zu werden. Oder es fällt schwer, Gewohnheiten zu ändern. Auch Angst vor Kontrolle bzw. weniger Entscheidungsfreiheit zu haben, mag eine Rolle spielen. Vielleicht ist es aber auch das Gefühl, sich einzugestehen, dass man alltägliche Dinge nicht mehr alleine schafft.

Und warum sollte man es trotzdem tun ich meine jetzt beide Seiten?

Ich sehe meine Aufgaben nicht als Arbeit, sondern als Freizeit. Wenn ich viel für die Uni tun muss, freue ich mich sehr, wenn ich in der Pause runter zu ihr gehen kann, um mit ihr über Gott und die Welt reden zu können. Sie tut ihren Söhnen einen riesigen Gefallen, welche entlastet sind und sich nicht so viele Sorgen machen müssen. Wenn es funktioniert, ist es für beide eine Win-Win Situation und eine unglaubliche Bereicherung. Ich profitiere von ihrer Weisheit und im Gegenzug kann ich ihr in anderen Dingen zur Seite stehen und aktuelle Themen gut erklären. Aus einem Wohnverhältnis ist eine emotionale Bindung entstanden.

Vielen Dank für dieses Interview!´

 

Zum Abschluss haben Frau Parker und ich eine Bitte an Sie:

Erzählen Sie anderen Menschen bzw. Angehörigen von dem Projekt Wohnen für Hilfe. Von dieser neuen Form des Zusammenlebens. Veränderung muss nicht bedeuten, das alles schlechter wird. Wenn man Mut zur Veränderung hat, tun sich unglaublich viele neue spannende Türen auf. In Witzenhausen suchen viele internationale Studierende nach dieser Wohnform. Es sind auch diese internationalen Begegnungen, die das Projekt so interessant machen. Die meisten Studiengänge sind in Witzenhausen in englischer Sprache. Viele Studierende haben im Alltag keine Gelegenheit Deutsch zu sprechen. Umso mehr sind sie dankbar für die Möglichkeit, die ihnen dieses Projekt bietet.

Ich persönlich habe bei meinen Begegnungen mit diesen Menschen gelernt, wie wichtig die Großelterngeneration für junge Menschen ist und das viele junge Menschen die Nähe von älteren Menschen suchen.

Zum Abschluss noch ein schöner Satz von einer anderen Studentin aus Californien aus der Danksagung in ihrer Masterarbeit.

.Meine deutschen Eltern Elisabeth und Martin verdienen ebenfalls ein großes Dankeschön. Die emotionale und finanzielle Unterstützung war sehr wichtig für mich. Durch die entspannte Zeit konnte ich immer Energie aufladen. Nicht nur in Form von leckerem Essen, sondern auch durch die Herzlichkeit, Wärme und Verständnis, welche ich dort angetroffen habe.

 

Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Zuletzt geändert am: 16.4.2018 um 11:02

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